Jan
08
2010

Kure Kure Takora

Der fol­gende Text zu die­ser japa­ni­schen Serie stammt von Mit­ter­nachts­kino.

Okay. Ganz ruhig. Was habe ich da eben gerade gese­hen? Täu­schen mich meine Augen? Nein. Es ist wahr. “Kure Kure Takora”, eng­lisch über­setzt in “Gimme Gimme Octo­pus” ist Rea­li­tät. Um das ganze Aus­maß der Unfass­bar­keit die­ses japa­ni­schen Seri­en­pro­duk­tes zu kom­mu­ni­zie­ren, hier ein­mal die Beschrei­bung eines typi­schen “Kure Kure Takora”-Dreiminüters:

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Der Poli­zei­d­achs Debura steht in sei­nem Poli­zei­re­vier unter freiem Him­mel und erfreut sich an sei­nem Plat­ten­spie­ler, aus dem gerade die Töne des “Kure Kure Takora”-Titelsongs erklin­geln. Seine tän­ze­ri­schen Bewe­gun­gen zu dem kurio­sen Lied sind ebenso mini­ma­lis­tisch wie unrhyth­misch. Es dau­ert nicht lange, da kom­men schon Takora, ein roter, zwei­bei­ni­ger Tin­ten­fisch mit rie­si­gem Kopf, und sein bes­ter Freund Chonbo, eine rie­sige, gelbe Kür­bis­pflanze, vor­bei und wol­len in ihrem Wahn, immer alles besit­zen zu müs­sen, jenen Plat­ten­spie­ler in ihre Gewalt rei­ßen. Doch der Dachs bedroht die bei­den mit sei­nem Revol­ver. Die bei­den ver­ste­cken sich hin­ter der nächs­ten Blume (?) und schmie­den einen Plan. Chonbo bie­tet Debura eine höchst eigen­ar­tige Ganz­kör­per­mas­sage an, bei der er ihm seine Kanone aus dem Half­ter stiehlt. Dann erscheint wie­der Takora auf der Bild­flä­che, der den Dachs pro­vo­ziert und mit einem gekonn­ten Schlag auf den Kopf aus­knockt. Er schnappt sich das Gram­mo­phon und ver­schwin­det damit zu sei­nem Baum­haus. Hier ver­su­chen er und Chonbo das Gerät ver­geb­lich zum musi­zie­ren zu brin­gen. Aus mir unbe­greif­li­chen Grün­den zieht sich dazu Takora einen Hut auf sei­nen gigan­ti­schen Kul­ler­kopp. Als der Plat­ten­spie­ler sich ver­selbst­stän­digt und durch die Gegen düst, schla­gen Takora und Chonbo mit Stö­cken nach ihm. Weil beide etwas unbe­hol­fen sind, enden beide auf dem Boden, sich gegen­sei­tig mit den Stö­cken ver­prü­gelnd. Dann jedoch geht das rosa Wal­ross Monro an bei­den vor­bei. Nicht nur Takora und Chonbo schei­nen beide in die gra­zile Monro ver­liebt zu sein, son­dern auch der Plat­ten­spie­ler, der ihr nachfolgt.

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Das war’s. Keine wirk­lich auf­lö­sende Pointe, nicht mal eine halb­wegs nach­voll­zieh­bare Geschichte. Nur völ­lig durch­ge­knallte, kun­ter­bunte Tier­vie­cher, die abso­lut irre, fast schon psychedelisch-kranke Sachen machen. Voll­kom­men unfass­bar ist hier­bei die Tat­sa­che, dass diese Serie für Kin­der kon­zi­piert und pro­du­ziert wurde. Takora ist ein gewalt­be­rei­ter, Dro­gen ein­neh­men­der Dieb, der sich stän­dig ver­sucht, durch andere zu berei­chern. Mit allen Tie­ren der Serie scheint er auf die eine oder andere Weise ver­fein­det zu sein, nur mit dem komi­schen Kür­bis scheint er wirk­lich aus­zu­kom­men. Und selbst der wird in regel­mä­ßi­gen Abstän­den von ihm mit Schlä­gen gezüchtigt.

Der Wald, oder was auch immer das quietsch­bunte Set­ting sein soll, in dem der Okto­pus so fröh­lich singt und springt, wird aber auch noch von drei sinis­tren Gur­ken bewohnt, die gerne pick­ni­cken und ihre eigene Erken­nungs­me­lo­die besit­zen. Da Takora das Lied, als auch die Fres­sa­lien meis­tens für sich bean­sprucht, kommt es zu hand­fes­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ihm und den Gur­ken. Egal, ob Faust­schläge, Degen­du­elle oder gegen­sei­ti­ges Beschie­ßen mit Pfei­len – den tie­ri­schen Bewoh­nern der “Gimme Gimme Octopus”-Welt scheint nicht ein­mal ihr päd­ago­gi­scher Auf­trag gegen­über der unmün­di­gen, japa­ni­schen Vor­schul­ziel­gruppe heilig.

Auch die The­men, die “Gimme Gimme Octo­pus” für seine Zuschauer auf­be­rei­tet, sind wohl ein­zig­ar­tig in der Welt der Min­der­jäh­ri­gen­un­ter­hal­tung: In einer Epi­sode stiehlt Takora dem Dra­chen Bira­gon ein dubio­ses Rauch­werk­zeug. An sei­nem Baum­haus beginnt er zusam­men mit Chonbo an daran zu paf­fen, und schon bald haben sich ihre sonst so run­den Augen in bekifft anmu­tende Schlitze ver­wan­delt. In spä­te­ren Fol­gen begeht Takora Grab­schän­dung, in wie­der einer ande­ren Folge täuscht er den tra­di­tio­nel­len, japa­ni­schen Selbst­mord Sep­puku vor. Und die Grund­ein­stel­lung Tako­ras mag auch nicht gerade sehr kin­der­freund­lich anmu­ten. Mit sei­nen klei­nen acht Armen greift der nach Allem, was er haben möchte, ohne Rück­sicht auf Besitz­rechte oder andere mora­li­sche Fra­gen. Wer die Her­aus­gabe der Objekte sei­ner Begier­den ver­wei­gert, wird ver­äp­pelt oder ver­kloppt – egal, ob der­je­nige ein impo­san­ter Dra­che oder ein respekt­vol­ler Poli­zist ist. Gehe dei­ner Gier nach, egal, was sich dir in den Weg stellt!

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“Gimme Gimme Octo­pus” ist eine außer­ge­wöhn­lich, unfass­bare Kin­der­reihe, die in Japan durch Mer­chan­di­sing en masse unter­stützt wird. In west­li­chen Kul­tu­ren wäre eine sol­che Serie undenk­bar. Und gerade jene natür­li­che Fas­sungs­lo­sig­keit, die sich bei jedem euro­päi­schen Zuschauer die­ser grel­len Show ein­stel­len wird, dürfte sich bei vie­len auch in urige Fas­zi­na­tion für die Vie­cher und ihre kaum nach­voll­zieh­ba­ren Hand­lungs­wei­sen ver­wan­deln. “Gimme Gimme Octo­pus” ist herr­lich und ver­dient auch in Europa viele Fans – wenn auch volljährige!

Written by Alexis in: Blödsinn,Filme&Serien |

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